Im Jahr des Drachen Stream Deutsch

Es is nicht die Bronx oder Brooklyn. Es ist auch nicht New York. Es ist Chinatown ... und das droht zu explodieren...
Im Jahr des Drachen
Captain Stanley White hat sich die Befriedung von New Yorks Chinatown aufs Panier geschrieben. Durch seine unkonventionellen, oft rabiaten Methoden macht er sich nicht nur in der Unterwelt, sondern auch in den eigenen Reihen zahlreiche Feinde. Trotzdem gelingt es ihm, entgegen aller Intrigen und Widerstände (auch privater Natur) einen Keil in die chinesische Unterwelt zu treiben und den aufstrebenden Jungpaten kurz vor der endgültigen Machtübernahme unschädlich zu machen.

Reviews

Kalla Malla
Man kann sich darauf verlassen: Irgendwann klopft er garantiert an »Heaven's Gate«. Jene läuternde Pforte, durch die die Reinen in den Himmel kommen und die Mühseligen und Beladenen zurück in der irdischen Hölle bleiben müssen, ist ein unverzichtbarer liturgischer Bestandteil der Filme des Michael Cimino. Durch sie schickt er auch »Im Jahr des Drachen«, seinem ersten und durchaus standfesten Gehversuch seit dem Megaflop mit dem ehrgeizigen Visconti-Western »Heaven's Gate«, Connie White (Caroline Kava), die aufrechte Gattin des Brutalo-Bullen Stanley White (Mickey Rourke). Weil der gegen angeblich in New York agierende sogenannte Triaden, eine Art chinesischer Mafia, und deren verdächtigen Boß Joey Tai (John Lone) ermittelt, schneidet ihr ein asiatisches Killerkommando vor seinen Augen die Kehle durch. Worauf der hochdekorierte Polizei-Captain und einstige Vietnam-Kämpfer endgültig durchdreht und im Ersatz-Dschungel von New Yorks Chinatown, dem Wohnviertel der vorwiegend armen Chinesen im Süden Manhattans, einen Privatkrieg mit den verhaßten cninks, den Gelben, vom Zaun bricht. Nicht zuletzt dieser überflüssige weder für den dramaturgischen Aufbau, noch für die Handlung oder gar das Verständnis des Films unverzichtbare Mord - in Robert Daleys Roman »Im Jahr des Drachens«, der Cimino und seinem Co-Autoren Oliver Stone (»Scarface«, Brian DePalma) als Grundlage des eigenen Drehbuchs diente, ist davon nicht die Rede - brachte Cimino einmal mehr eine zwar unerwartete, doch gewiss nicht unwillkommene Publicity. Amerikas chinesische Bürger, die von Beginn des Projektes an Einwände vorgebracht hatten, gingen bei der US-Premiere im August auf die Straßen. Rassismus warfen sie dem Produzenten Dino de Laurentiis vor, offenkundige Asiatenfeindlichkeit dem Regisseur und ehemaligen New Hollywood-Wunderknaben Michael Cimino. Der Kriminalfilm »Im Jahr des Drachen«, argumentierten chinesische Bürgerrechtler wie die in San Franciscos Chinatown aktive Sozialarbeiterin Rose Pak, übertreibe die gewiss vorhandene chinesische Kriminalität maßlos. Man sah in ihm eine Fortsetzung jener Ende der siebziger Jahre stattgefundenen Pressekampagnen der US-Medien gegen angeblich die Mafia übertrumpfende chinesische Gangsterorganisationen in den Vereinigten Staaten, die schließlich zu einer vom Präsidenten persönlich eingesetzten Untersuchungskommission gegipfelt hatten. Man meinte in dem Film die Weiterführung unseliger amerikanischchinesischer Beziehungen in der Vergangenheit zu sehen. Hunderttausende Chinesen waren vor allem um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem von Naturkatastrophen getroffenen, von internen politischen Querelen geschwächten und von den europäischen Kolonialmächten ruinierten Reich der Mitte ins gelobte Amerika gezogen, wo sie in Kaliforniens Goldminen, in Chicagos Schlachthöfen, in New Yorks Wäschereien oder auf den Plantagen des Südens schufteten, von den Behörden bis in die jüngste Vergangenheit rigide unterdrückt und quasi rechtlos, von den Industrie- und Agrarbaronen als billige Arbeitskraft ebenso geschätzt wie ausgebeutet und bei Bedarf als willkommene Streikbrecher missbraucht, wofür sie wiederum die für bessere Löhne und primitivste soziale Rechte streitende weiße Masse aus ganzem Herzen hasste. Lynchmorde waren nicht selten, Vernichtung durch Arbeit an der Tagesordnung, Diskriminierung ist noch immer üblich. Daran änderte auch nichts, daß es vorwiegend Chinesen waren, die, als sich der Job für die anderen Arbeitstiere der Nation, die Iren, Deutschen und Slawen, als zu schwer erwies, Amerikas Eisenbahnnetz durch die Gebirge, Wüsten und Wälder gen Kalifornien gruben und somit erst die Erschließung des amerikanischen Westens ermöglichten. Tausende starben auf der größten und bedeutendsten Baustelle der amerikanischen Geschichte, ohne daß ihnen je, wie Mickey Rourkes Bulle White »Im Jahr des Drachen« bemerkt, ein Denkmal gesetzt worden wäre. Nicht einmal auf dem Erinnerungsfoto an das Zusammentreffen der beiden transkontinentalen Schienenstränge am Promontory Point in Utah 1869, fügt er hinzu, ist auch nur einer der chinesischen Kulis zu sehen. Es ging ihnen da nicht anders als den Immigranten aus Europa, den Vorfahren der Ukrainer aus »The Deer Hunter« etwa, den armen Schluckern aus dem Baltikum, die in »Heaven's Gate« von den Viehbaronen geschlachtet werden, oder den polnischen Vorfahren des Polizisten White aus »Im Jahr des Drachen«. Nur dass den Chinesen aufgrund rassischer, sprachlicher und kultureller Eigenarten die Integration schwerer fiel. Der »Johnson County War« ist Historie, vergessen und vergeben. Chinatown indes, das chinesische Getto, in dem die Hauptsprache noch immer Chinesisch ist, wo sich die Nachkommen der Kulis sowie Taiwan-Chinesen und Emigranten aus der Volksrepublik China ein Stück Heimat bewahrten, Chinatown, die dem Durchschnittsamerikaner vorwiegend suspekte orientalische Enklave im eigenen Land, ist Gegenwart. Wobei der Krieg in Vietnam das Verhältnis zwischen Amerikanern und Asiaten nicht unbedingt verbessert hat. Cimino, dessen infames Russisches Roulett in »The Deer Hunter« einst den Ostblock von der Berlinale vertrieben hatte, goss mit »Im Jahr des Drachen« Öl in dieses Feuer. Ein Rassist ist Cimino gewiß nicht, aber er unterschätzt die Kraft der eigenen Bilder. Ein paar Dialoge in Würdigung der chinesischen Leistungen für Amerikas Grösse heben nicht die Szenen auf, in denen gelbe Eminenzen in diskreten Hinterzimmern über die Heroinzufuhr nach New York paktieren, in denen schmierige chinesische Punks und Schlagetots morden und massakrieren, oder in denen graugelbe Menschenmassen dicht an dicht in schmuddeligen Kellerbehausungen in einer trüben Brühe nach Sojabohnen und Leichen fischen. Ciminos Versessenheit auf Ambivalenz und Realismus hat ihn wieder einmal in die Bredouille gebracht. Zu Unrecht. Denn »Im Jahr des Drachen« ist vor allem ein weiteres Kapitel von Ciminos Trilogie über amerikanische Immigrantenschicksale, und wem seine Sympathien gehören, hat er in »Heaven's Gate« deutlich gezeigt. »Im Jahr des Drachen« ist komplexer, verschachtelter, weniger eindeutig, aber wie auch der Vorgänger im Grunde ein weiterer Schritt Ciminos, mit den Mitteln des Genrekinos das gelobte Einwanderungsland Amerika zu entglorifizieren - dort als Western, hier als Polizeifilm. Von der Romanvorlage blieb gerade das Handlungsgerüst: Ein anderswo bewährter Polizist wird nach Chinatown beordert, um mit der wachsenden Straßen- und Jugendkriminalität aufzuräumen; im Gegensatz zu seinen Vorgesetzten meint er, einen chinesischen Geheimbund und dessen skrupellosen Boß als Drahtzieher der jüngsten Gewalttaten ausgemacht zu haben, mit denen die italienische Mafia vom Rauschgift-Markt verdrängt werden soll. Die Jagd auf den angeblichen Paten wird zur Obsession, der sowohl der Gejagte als auch der Jäger zum Opfer fallen. Doch Ciminos Captain White ist, wie er bei jeder Gelegenheit unterstreicht, ein »Polack«, selbst ein Einwanderersproß und zugleich Amerikaner mit einer Überzeugung, wie sie nur Immigranten haben. Wie Robert De Niros »Deer Hunter« Michael diente er dem Vaterland in Vietnam, doch im Gegensatz zu diesem kehrte er danach nicht in die Geborgenheit einer ethnisch geschlossenen und der eigenen Tradition bewußten Gemeinschaft zurück. Amerikas Niederlage empfindet er als persönlichen Verlust; sein Haß auf die »chinks« entspringt vor allem einem tiefen Neid auf die Geborgenheit der geschlossenen Gemeinschaft Chinatown. Vietnam hat White nicht geläutert, er ist nur verbittert, selbstmitleidig, ein Zyniker und Rassist geworden. Rourke, der hier den wohl stärksten Part seit seinem Motorcycle Boy in Francis Coppolas »Rumblefish« spielt, gestaltet die Rolle ebenso vielschichtig wie unterschwellig diabolisch — das erregendste Porträt eines Bullen seit Alain Delons »Chef«. Wenn er ihn auf dem Revier über die verstockten Bräuche und modrigen Gepflogenheiten der verdammten Schlitzaugen herziehen läßt, um ihn anschließend heim ins spießige polnische Häuschen mit seinen tausend Nippes, dem Kitsch und den Herrgottswinkeln zu schicken, verkündet Cimino sehr deutlich, wie er zum Rassismus des Helden White steht. Und wenn er ihn wegen seiner Rührseligkeit über den verlorenen Krieg verspotten läßt, sagt er klar und vernehmlich, was er von frustrierten Dschungelkämpfern hält. Ein »Rambo« in New York ist dieser Stan White gewiß nicht, eher ein »Taxi Driver« - früh gealtert, illusionslos, aber sich selbst die Illusion vorgaukelnd, er sorge für Recht und Ordnung. Cimino hätte sich viel Vorwürfe ersparen können, wenn er die übrigen Rollen ebenso ambivalent und plastisch entwickelt hätte. Doch Whites sino-amerikanische Geliebte, die Fernsehreporterin Tracy Tzu (vom Fotomodell Arianne dargestellt), bleibt Ausstattung statt ein Charakter zu werden, und Whites Gegenspieler Joey Tai wirkt so oberflächlich wie eine Lackmalerei: über seine Motive und Beweggründe erfährt der Zuschauer wenig. Indem er die Rolle derart reduzierte, verhinderte Cimino zwar ein nicht beabsichtigtes Ubergewicht des Krimi-Plots, riskierte aber gleichzeitig eine ebenso wenig beabsichtigte Gewichtsverlagerung zugunsten eines Sympathieträgers Rourke, der allein gegen die gesichtslosen Massen Asiens ankämpft. Ein Balanceakt, der Cimino nicht immer gelungen ist. Auch darin befindet er sich in bester Gesellschaft. Wie bei Francis Coppola oder Steven Spielberg, Peter Bogdanovich oder Brian De_Palma, so auch bei Cimino - die Absichten und Botschaften der ehemaligen liberalen New Hollywood-Generation mögen noch immer die besten sein, ihren bombastischen visuellen Stilmitteln sind sie indes nicht gewachsen. Cimino hat nach dem streckenweise arg sterilen »Heaven's Gate« mit »Im Jahr des Drachen« wieder zu einem Kino fast so sinnlich wie »The Deer Hunter« zurückgefunden. Die Handschrift ist bekannt: delirierende Nahaufnahmen von Menschenmassen, grandiose Massenpanoramen, Festzüge, Trauermärsche und eine detailliert bis penibel entworfene Folklore, hartes Licht, fahle Farben und natürlich wieder eine Portion Größenwahn. Ein Überfall auf ein China-Restaurant gerät so pompös wie die Schlacht im Johnson County, ein Schmugglerdorf im thailändischen Dschunngel so protzig wie ein Heerlager von Riefenstahls und Coppolas Dimensionen, und für die Aussenaufnahmen von Chinatown ließ er Mott-Street und das halbe Chinesenviertel im Studio nachbauen. Ein Größenwahn, der zugleich befremdet und fasziniert. Immerhin gelingen Cimino dadurch immer wieder erstaunliche bis einzigartige Kinobilder: In diesem eine in langer Einstellung gedrehte Verfolgungsjagd durch eine überfüllte Diskothek oder ein von Alex Thomsons Kamera als »High Noon« im Neonschimmer fotografierter Showdown im Hafen von New York. Es sind Bilder, die zu den eindrucksvolleren Kinoerlebnissen des 85er-Jahres gehören. Cimino mag umstritten sein, aber er gehört zu den wenigen Individualisten in Amerikas Filmindustrie. Das hat er mit »Heaven's Gate« bewiesen, er bestätigt es auch in bescheidenem Rahmen mit »Im Jahr des Drachen«.

Leave a Review?

You must be registered and logged in to submit your review.