Edgar Wallace - Die toten Augen von London Stream Deutsch

Edgar Wallace - Die toten Augen von London
Dichter Nebel liegt über London und lässt nur Umrisse der Häuser erkennen. Ein Schrei unterbricht für ein paar Sekunden die unheimliche Ruhe der Nacht, dann herrscht wieder Totenstille … – Der scharfsinnige Larry Holt, Inspektor von Scotland Yard, spricht von einem eiskalten Mord. Eine ganze Reihe dieser eigenartigen „Unfälle“ an älteren, schwerreichen Herren aus dem Ausland haben ihn in letzter Zeit stutzig gemacht. Alle Opfer waren mit einer horrenden Summe bei der Greenwich-Insurance-Company in London versichert. Winzige Pergamentstreifen, die bei den Opfern gefunden werden, geben Larry Hinweise, denn in Blindenschrift stehen darauf Worte, zu entziffern als „Verbrechen“ und „Mord“. Er ist davon überzeugt, dass wieder einmal die „Toten Augen von London“ zugeschlagen haben, eine Bande blinder Hausierer, die die Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzen will …

Reviews

Kalla Malla
Für mich ist »Die toten Augen von London« der beste Wallace-Film der Reihe, großartig besetzt, stimmungsvoll inszeniert und auch heute noch von unheimlich starker Spannung. Dieter Borsche spielt hier den Leiter eines Londonder Blindenheims, das als Tarnung für mörderische Erpressung dient, und das macht er auf einfach unnachahmliche, beängstigende Art. Leider hatte Borsche, sonst als romantischer Held in Kostümschinken und Ärztedramen besetzt, selten die Gelegenheit, einen so eiskalten Oberschurken zu geben, und er hat offensichtlich helle Freude daran. Zehn Jahre, bevor der britische Regisseur Stanley Kubrick in seiner futuristischen Brutal-Oper »A Clockwork Orange« entfesselte Jugendbanden aufeinander einschlagen ließ und dazu elektronisch verfremdete Rossini-Musik aufspielte (und damit eine neue Mode des »Musik«-Films kreierte), ersäufte Vohrer seine Leichen bereits zu Beethovens »Fünfter«: Während in Dearborns Heim die Blinden der Musik lauschen, geht im Keller des Gebäudes der »Blinde Jack« seinem mörderischen Handwerk nach. Doch dies ist nur ein Beispiel dafür, mit welchen Regieeinfällen Vohrer jene beklemmende Spannung zu erzeugen verstand. Bisher spielten sich in den Rialto-Filmen die Ereignisse vornehmlich in Herrenhäusern und Schlössern ab, doch in »Die toten Augen von London« tauchte Vohrer in die nebelige Milchsuppe der Themsestadt hinab und zog Kreaturen ans spärliche Licht der Laternen, die man als Geschöpfe der Hölle wähnt. Nicht nur der »Blinde Jack« oder Lew Norris, beide Handlanger Dearborns, sind solche, auch der weiße Lieferwagen einer Wäscherei, der wie ein Phantom aus dem Nebel auftaucht und von unsichtbarer Hand gesteuert scheint, ist gleichbedeutend mit Verbrechen und Tod. Anders als in der Verfilmung aus dem Jahre 1939 sind der Chef der Versicherungsgesellschaft und der Leiter des Blindenheims nicht ein und dieselbe Person; Wolfgang Lukschy spielt Mr. Judd, den betrügerischen Direktor der Greenwich-Versicherung, Dieter Borsche dessen totgeglaubten Bruder David Judd, der unter der Maske des blinden Reverend Dearborn seinen Schlupfwinkel genial als Blindenheim getarnt hat. Vom Drehbuch her ist diese Rolle des Reverend Dearborn so raffiniert angelegt, daß nie der Hauch eines Verdachts auf ihn fällt: Dearborn umgibt als vermeintlich Blinden eine Aura des Tabus, die das Böse nicht denkbar erscheinen läßt, ja dem Zuschauer quasi verbietet, ihn zu verdächtigen. Und Dearborn wird auch erst als Sehender verwundbar, als er seine Maske fallen läßt und sich zu erkennen gibt. Dieter Borsche schafft die Ambivalenz dieser zwei Rollen, den blinden, frommen, demütigen Pater, und den sehenden heimtückischen und sadistischen Verbrecher mit schlafwandlerischer Sicherheit. Nie zweifelt man an der Güte des Pater Dearborn, nie an der Gefährlichkeit des Verbrechers Dearborn,der am Höhepunkt der Handlung Inspektor Holt gefesselt hat und die junge Nora Ward in dem Wassertank foltert, um ihre Unterschrift unter eine Vermögenserklärung zu erpressen. Assistiert wird dieser Messias des Bösen von dem Killer Edgar Strauß, gespielt von Klaus Kinski. Auch Kinski umgibt das Flair des Blinden: Er trägt stets eine dunkle Sonnenbrille, und wenn man ihm ins Gesicht blickt, erkennt man nichts. Die Brille ist seine Maske. Als er sie verliert, hat seine Stunde geschlagen. Er ist hilflos und irritiert. Ohne sich zu wehren, wird er von einem Unbekannten durch ein Fenster in die Tiefe gestoßen. Das Nicht-Sehen, Nicht-Erkennen, die Blindheit, dieses Leitmotiv zieht sich in den bizarrsten Variationen durch den Film: Die Blinden arbeiten nur nachts und im Nebel, weil sie da den Sehenden überlegen sind. Inspektor Holts erster Hinweis, der ihn zu den »Toten Augen« führt, ist eine in Blindenschrift auf einen Pergamentstreifen geritzte Botschaft, die man bei einem Leichnam fand. Der große Unbekannte, der hinter diesen Verbrechen steckt, bleibt lange unerkannt, weil er angeblich blind ist. Verdächtig hingegen ist der Pförtner des Blindenheims, weil er »der einzige ist, der sieht«. Und letztlich ist auch der Zuschauer im Grunde hilflos wie ein Blinder: Obwohl er den Ereignissen folgt, erkennt er die Zusammenhänge nicht. Die Faszination der Blindheit im Horror-Genre ist allerdings keine Erfindung Alfred Vohrers. Der - physische wie psychische - Defekt hat im Film Tradition, er reicht von Robert Wienes Stummfilmklassiker »Das Kabinett des Dr. Caligari« (1919) über die Filme Fritz Langs bis hin zu Alfred Hitchcocks »Psycho« (1960),alle gefolgt von einer Flut von Epigonen, und erlangte vor allem in Stanley Kubricks Verfilmung des Stephen-King-Romans, »The Shining« (1980), eine neue, alle bisherige Filmästhetik revolutionierende Dimension. Speziell des Themas der Blindheit nahmen sich in den späten sechziger Jahren die amerikanischen Thriller »Wait Until Dark« (mit Audrey Hepburn) und »Blind Terror« (mit Mia Farrow) an. Jenseits herkömmlicher Etikettierungen ist Vohrers »Die toten Augen von London« kein gewöhnlicher Kriminalfilm, sondern eine alptraumhafte Oyssee zu den dunklen Mächten des Jenseits. London verkommt zum bühnenhaften,in Nebel getauchten Nirgendwo, und die Verbrecher scheinen nicht weltlicher Natur zu sein, sondern Wesen von einem fremden Planeten. Fazit: Der Film ist ein Horror-Klassiker, was sich bis heute allerdings noch nicht herumgesprochen hat.

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